Ein B-Rätsel, das man essen kann

Vielleicht stand die - mutwillig herbeigeführte - Fremdheit am Anfang ihrer literarischen Blüte, heute aber ist Yoko Tawada die Dichterin der Befremdung. Das ist eine Geisteshaltung, die in der deutschsprachigen Literatur eine lange Tradition hat. Die Verwandtschaft mit Robert Walser, dem heiteren Pendant und Zeitgenossen Kafkas scheint geradezu unbestreitbar, wenn man die Beobachtungen der alltäglichen Absurdität liest oder hört, die die seit zwanzig Jahren in Deutschland lebende Japanerin anstellt. Erkläre einer einmal - zum Beispiel - eine Bretzel: Für Yoko Tawada ist dieses Backwerk ein B-Rätsel, das man essen kann. Und nachdem sie es gesagt hat, für wen nicht? Doch die hochempfindliche Durchleuchtung des sie umgebenden Systems von Verabredungen und Gebräuchen ist nur ein Teil ihrer dichterischen Erkenntnisarbeit. Ihre Phantasie spinnt sich weiter in Nacht und Traum.
Am Montag trat Yoko Tawada, umringt von klickenden und surrenden Kameras im prallvollen Tacheles-Café "Zapata" zusammen mit der Jazzpianistin Aki Takase auf. Dieses Duo besteht seit gut zwei Jahren, und was anfangs ein Experiment war, erweist sich jetzt als ein kreatives Konzept, das mehr ist als die Summe ihrer Teile. Keine Spur von der nebulös verwehten Melancholie, die dem Format "Jazz und Lyrik" allzu oft anhaftet. Aki Takase ist gewiß eine der kraftvollsten und farbenreichsten Klavierstimmen der internationalen Jazzszene, ein Riesenglück für Berlin, von wo aus sie ihre zahllosen Aktivitäten entfaltet. Im Duo mit der Lyrikerin Tawada ist sie es, die den oft brüchig-spekulativen Aphorismen eine freche und drängende Wirklichkeit verschafft. Yoko Tawadas Ausdruck ist nicht von sich aus musikalisch, und mit der alten Kunst der epischen Lieder mit Koto-Begleitung hat dies auch nichts zu tun. Texte und Musik haken sich ineinander wie ein Reißverschluss. Die kindliche und so überraschend Erkenntnis stiftende Wortspiellust Tawadas bekommt im antreibenden Klavierstakkato eine trotzige Beharrlichkeit, aber für den freien Flug der Phantasie hält Aki Takase impressionistische Impromptus bereit, die von der Schönheit des In-sich-Verschlossenseins singen. Aki Takase spielt vom Blatt: Vor ihr liegen Tawadas Texte, keine Noten, aber was sie spielt, kingt so entschieden, als wäre es komponiert. Der Dialog mit der Musik ermöglicht der Tawada eine intime Offenheit, die eine gewöhnliche Lesung nie haben kann und blitzartig scheinen hinter ihr ihre Figuren auf, vom staunenden Kind mit kullerrunden Augen bis zur keifenden Matrone. Magische Momente, die sich vom humoristischen Grundton ablösen.
Matthias R. Entreß am 16. Mai 2001 in der Berliner Morgenpost über eine Veranstaltung am 14. Mai 2001 im Berliner Tacheles

Deutsch-japanische Lyrik und ein Piano schufen eine surreale Welt

Deutsch-japanische Lyrik und ein Piano schufen eine surreale Welt Der Bleistift kann im Japanischen nicht männlich sein, ebensowenig der Füller oder der Kugelschreiber. Genauso wenig ist die Schreibmaschine im Japanischen feminin. Wie also soll ein Japaner, der Deutsch lernt, Geschlechtsformen behalten können, wenn ihm diese Grammatik völlig unbekannt ist? Er versucht, die Gegenstände zu sexualisieren und es sich so zu merken. Spracherfahrungen der japanischen Autorin Yoko Tawada, die zusammen mit der Jazz-Pianistin Aki Takase im Rahmen der japanischen Kulturwochen ŽKabuki Spring" im Marburger Kulturladen KFZ auftrat. Die beiden japanischen Künstlerinnen boten dem Publikum eine grandiose Verschmelzung von Lyrik und Piano, spielten mit Noten und Worten. Aki Takase und Yoko Tawada ließen Sprache und Musik miteinander kommunizieren und sich gegenseitig unterstützen. Wortspiele und spontane Kompositionen bildeten Phantasiegestalten und führten die Zuhörer gleichsam in eine fremde Welt. Unterstützt wurde dieser Effekt noch von den japanischen Wortfetzen, welche Yoko Tawada in ihre deutschen Texte einfügte. Zunächst begleitete Aki Takase nur die Wortspielereien, doch dann kommunizierte sie mit der Autorin und die Musik begann mit den Texten zu verschmelzen, ihnen vorauszueilen und wieder auf sie zu warten. Dabei waren sowohl Musik als auch Sprache voller Charme und Witz, zugleich aber auch grenzüberschreitend und anregend. Die Schreibmaschine wurde zur Sprachmutter und adoptierte die Autorin, welche feststellte, daß man auf der Reise durch Rußland zu achtzig Prozent russisch werde, da der menschliche Körper zu achtzig Prozent aus Wasser besteht und Reisende in Rußland schließlich russisches Wasser trinken. Musik und Sprache der beiden erfolgreichen Künstlerinnen erreichten eine große Komplexität und erstaunten die Zuhörer durch ihre nahtlose Vereinigung. Weder unterstützte die Lyrik das Piano, noch das Piano die Lyrik. Es war fast so, als bräuchten die beiden Komponenten einander, um ihre volle Schönheit entfalten zu können und ihre surreale Phantasiewelt darzustellen. Eppelsheim, MNZ, 18. Mai 2003 über die Veranstaltung am 15. Mai 2003 im KFZ Marburg

Ein Flügel voller Tischtennisbälle

Yoko Tawada ist eine Künstlerin, die immer wieder demonstriert, daß sich die Wirklichkeit mit Hilfe der Kunst besser wahrnehmen läßt. In ihren Romanen, Essays und ihrer Lyrik schärft die in Hamburg lebende Japanerin beständig ihren Blick für die ihr fremde deutsche Sprache. Sie zerlegt die Begriffe und geht mit der Konsequenz kindlicher Logik den Wortbildern und damit der Schönheit des Deutschen auf den Grund.
In der Jazz-Pianistin Aki Takase hat sie eine verwandte Seele gefunden, eine Musikerin die den Tango so raffiniert in seine melodischen Einzelteile zerlegt, daß den Zuhörern ein Schauer über den Rücken fährt. Gerade weil Aki Takase Bekanntes demontiert zeigt sie respektvoll die Eigenart des temperamentvollen Gestus, der den Tango charakterisiert. Unter dem lapidaren Titel "Klang-Texte" präsentierten die beiden Künstlerinnen im Japanischen Kulturinstitut am Wochenende ein literarisch-musikalisches Programm, dessen Intensität eher einer Performance entsprach. Yoko Tawada gab etwa Wortbilder vor, in denen der Charakter des Wassers oder runder Gegenstände beschworen wird, und Aki Takase illustriert sie akustisch am Klavier. Nur entspricht nicht eins dem anderen, denn Takase findet eigenwillige Assoziationen, die über gewöhnliche Klangbilder weit hinaus reichen. Die beiden spielen mit Gegenständen. Tawada schüttet den Flügel voller Tischtennisbälle und Takase befördert sie mit ihrem akzentuierten Saitenspiel wieder hinaus.
In atemberaubendem Tempo führen die beiden eine Percussion-Einlage vor, bei der sie minutenlang einen Tisch mit rhythmischen Handschlägen bearbeiten, während Tawada ungerührt einen ihrer humorvoll-hintersinnigen Texte spricht. Die eigentliche Darbietung des Abends liegt in der Virtuosität mit der die beiden Künstlerinnen die Unterschiede ihrer Persönlichkeiten ausspielen. Während Yoko Tawada als Autorin gezielte Sprachbewegungen vorgibt und etwa das Bild eines Ertrinkenden in immer neuen Variationen spiegelt, füllt Aki Takase den Raum mit ihren harten, selbstbewußten Klaviermelodien. Stets gibt es Verständigung zwischen den beiden und doch bleibt jede sie selbst, ein erregendes Schauspiel. Ja, für Momente scheint es so, als verhülfe jede der anderen dazu, eigene Talente erst recht auszuspielen.
Thomas Linden, Kölnische Rundschau, 29. Januar 2002, über die Veranstaltung am 25. Januar 2002 im Japanisches Kulturinstitut Köln

Mehl wird zu italienischem Eis Ein amerikanischer Hund wird zum Ellbogen und ein englisches Huhn zur Zwickmühle, eine "Schwierigmutter" benutzt morgens die "Zahnbrust", und in Rußland wird jeder Mensch durch die Transformation seines Wassers zu 80% russisch: Solche und andere Weisheiten voll hintergründigem Witz, der ernsthaft die Skurrilitäten realen Lebens, wie auch Finanzämter, beleuchtet, bietet die junge Poetin Yoko Tawada, japanische Germanistin, les- und hörbar in japanischer und deutscher Sprache an.
Ebenfalls den Sprung nach Deutschland tat vor 20 Jahren die weltbekannte Jazzpianistin Aki Takase; erbindet als Japanerin in Berlin die Blues-Anfänge der freien Improvisation mit einem abgehackt heftigen Stil, in dem sich die kurzen heftigen Sprachpartikel ihrer Heimat spiegeln. Im Japanischen Kulturinstitut taten sich beide nach vielen Aufführungen von New York bis Berlin wieder einmal zusammen, um mit ihrem Musik-Lese-Theater "Klang-Texte" intelligent zu unterhalten.
Anfänglich die alternierende Konversation beider Medien pflegend, mischt die Pianistin zunächst übersetzend, dann mit Zwischenrufen und schließlich Leitmotive im Duett mit Tawada schreiend auch sprachlich mit, setzt als pianistischen Kontrast das romantische "I`m confession" der 30er Jahre daneben, läßt alle Varietät des Urvaters Thelonious Monk in ihr Spiel einfließen. Hierwie dort, musikalisch wie rhetorisch, stehen Linien neben abgerissenen Fetzen, die als weitere Steigerung Aktionen zulassen.
Nun wird die Poetin zur musikalischen Adjutantin, wirft Objekte in den Flügel, vermischt die entstehende Zufallsperkussion mit japanischer Sprachmelodie. Verschmelzungen, Grenzüberschreitungen und Kommunikation wachsen zur symbiotischen Performance, rhythmisch hergestelltes Paniermehl wird zum Spiegeltanz und mutiert zu italienischem Eis, kreiert eine japanisch-deutsche Sprachmixtur. Drei Zugaben werden nach der abendfüllenden Begegnung von Wort und Musik verlangt - und all das ohne ein Fünkchen Gesang. Wozu auch? Eine größere Einheit können Poesie und Klang wahrhaftig nicht bilden!
Marieke Rabe, Kölner Stadt-Anzeiger, 1. Februar 2002, über die Veranstaltung am 25. Januar 2002 im Japanisches Kulturinstitut Köln